Der letzte Blick: Warum der Abschied am Sarg ein heilsamer Weg sein kann
Die Frage allein versetzt manche Menschen beinahe in eine Art Schockzustand: „Möchten Sie Ihre Mutter noch einmal sehen?“ oder „Möchten Sie Ihren Bruder noch einmal sehen?“ Der Tod eines geliebten Menschen setzt zu, viele Fragen sind bis zur Beisetzung zu klären. Doch diese? Was macht es mit uns, Abschied am Sarg zu nehmen? In unserer modernen Gesellschaft ist der offene Sarg fast zum Tabuthema geworden. Doch für den Trauerprozess kann dieser Moment beinahe heilend sein.
Das Unbegreifliche begreifbar machen
Unser Verstand weiß, dass ein Mensch verstorben ist, aber unser Herz braucht oft länger, um diese Endgültigkeit zu akzeptieren. Besonders bei plötzlichen Todesfällen suchen wir unbewusst nach der vertrauten Person. Der Anblick der Toten kann helfen, das Unbegreifliche greibar zu machen. Damit kann langsam ein erster Schritt des Akzeptierens beginnen.
Viele Menschen haben zudem Sorge, wie eine Tote oder ein Toter aussehen könnten. Dabei ist es natürlich unsere Aufgabe als Bestatter, den Verstorbenen auch im Tod ein würdiges Aussehen zu verleihen. So erleben wir es, dass Familien geradezu erleichtert sind, ihre geliebten Menschen mit entspannten Gesichtszügen und scheinbar friedlich schlafend ein letztes Mal zu sehen. Schmerz ist gewichen, oft liegt ein Gefühl des Friedens über dem Moment tiefster Trauer.
Moment der Stille ohne Zeitdruck
Im Krankenhaus oder im Alltag des Abschieds bleibt allzu oft kaum Raum für die eigenen Bedürfnisse. Die Aufbahrung am offenen Sarg – sei es beim Bestatter oder in einer Friedhofskapelle – bietet einen geschützten Rahmen. In dieser Stille ist Platz für Dinge, die möglicherweise bis dahin ungesagt blieben: ein letztes Flüstern oder ein „Danke“ oder das Beilegen von Briefen, Zeichnungen oder kleinen Erinnerungsstücken als Zeichen der immerwährenden Verbundenheit.
Wir stellen uns auf Ihre Wünsche ein
Es geht sicher nicht darum, sich zu zwingen. Das Gefühlskarussell dreht in dieser Zeit wahrlich schnell genug. Es geht darum, sich selbst die Erlaubnis zu geben. Wer sich unsicher ist, muss den Raum nicht allein betreten oder kann darum bitten, den Sarg erst nur einen Spalt zu öffnen.
Der Abschied am offenen Sarg ist kein Muss, aber er ist eine Einladung. Er hilft uns, das Bild der Krankheit oder des Schreckens durch ein Bild des Friedens zu ersetzen. Es ist der Moment, in dem wir das erste Mal wirklich „Adieu“ sagen – ein schwerer, aber unendlich wertvoller Schritt auf dem Weg zurück ins eigene Leben.



